Ramona schreibt mit den Augen: So steuert eine schwerkranke Hernerin ihren „Kommunikator“

Ramona H. kann ihren Körper kaum noch bewegen. Eine schwere und unheilbare Erkrankung des Nervensystems, hat ihr Schritt für Schritt die Kraft genommen. Das Sprechen fällt ihr schwer, ihre Hände kann sie nicht mehr nutzen. Trotzdem bleibt Ramona nicht stumm. Vom Bett aus steuert sie einen speziellen Sprachcomputer mit den Augen – den Kommunikator. Damit surft sie im Internet, versendet WhatsApp-Nachrichten, postet auf Facebook und Instagram. Und sie schreibt Geschichten aus ihrem Leben.

Lesen Sie die vollständige Geschichte „Die Stimme auf dem Steg“ am Ende dieses Textes.

Seit rund sechs Jahren bedient Ramona die Technik mit ihrem Blick. Von „Tippen“ spricht sie nicht, sie steuert. Auf dem Bildschirm erscheint eine Tastatur mit Buchstaben, aber auch ganze Wörter, Satzbausteine, Symbole oder Schaltflächen für Geräte. Ramona verweilt mit den Augen auf einem gewünschten Feld, manchmal blinzelt sie ganz bewusst, bis das Gerät die Information verarbeitet hat.

Jedes Augensignal kostet Konzentration und Zeit. Läuft alles richtig gut – kein Gerätealarm, keine Schmerzen, keine Unterbrechung, dann schafft Ramona einen Text in sieben Tagen. In der Regel aber dauert es bis zu vier Wochen. Nicht selten geht die Arbeit verloren. Ein Speicherfehler, und der Text ist weg. Dann beginnt Ramona von vorn, denn sie lässt sich nicht entmutigen. „Wenn ein Text mal verschwunden ist, fange ich wieder von vorne an“, sagt die Kranke, die seit vielen Jahren auf ihrem Weg durch eine Zeitschenkerin des Ambulanten Hospizdienstes begleitet wird.

Eine ihrer schönsten Geschichten heißt „Die Stimme auf dem Steg“. Sie erzählt von einem Sommer mit Freunden an einem ländlichen See im Jahr 1973. Ramona will vom Steg einen Kopfsprung ins Wasser wagen. Kurz vor dem Absprung hört sie eine Stimme aus dem Nichts: „Spring nicht!“ Sie hält kurz inne und springt mit den Füßen zuerst. Eine Wolke von Blut steigt im Wasser auf, Ramona hat sich schwer am Fuß verletzt, unter der Oberfläche lag eine alte Tür. „Was, wenn die Stimme nicht gewesen wäre?“, schreibt Ramona. „Das war mein Schutzengel Nummer 3.“ Die gesamte Geschichte lässt sich unter www.hospizdienst-herne.de/aktuelles nachlesen.

Drei solcher Geschichten hat Ramona bisher verfasst. Karin Leutbecher, Koordinatorin beim Ambulanten Hospizdienst: „Ramona bestätigt uns immer wieder, wie wichtig die Begleitung durch ihre Zeitschenkerin für sie ist. Es entsteht viel Nähe, wenn Menschen sich Zeit füreinander nehmen. Für unsere Begleitungen suchen wir immer neue Ehrenamtliche. Am 24. Oktober startet der nächste Vorbereitungskurs.“

Wer das Ehrenamt näher kennenlernen möchte, kann zwei Informationsabende besuchen: am Donnerstag, 24. September 2026, von 18 bis 19.30 Uhr online und am Dienstag, 6. Oktober 2026, von 17 bis 18.30 Uhr im Gemeindezentrum Herz Jesu, Düngelstraße 34, 44623 Herne. Eine Anmeldung ist ab sofort möglich.

DIE STIMME AUF DEM STEG
Von Ramona H.

Es war im Sommer 1973. Da wir ländlich wohnten, gab es um uns herum viele Seen. Wir waren schon überall baden, bis auf eine Stelle, wo Wochenendhäuser standen. Der See gehörte uns allen, doch da gingen wir nicht rein. Es dauerte nicht lange, da hatten sich die Wochenendhaus-Bewohner einen langen Steg gebaut. Das war natürlich etwas Tolles. Wir waren wie immer sehr neugierig und wollten unbedingt den neuen Steg kennenlernen. Da gerade Freitag war und alle erst am übernächsten Sonntagabend wieder nach Hause fuhren, beschlossen wir, den neuen Steg direkt am Montag, Dienstag, Mittwoch oder Donnerstag auszuprobieren.

Wir gingen zu unserem Lieblingssee und konnten von dort aus prima auf den neuen Steg schauen. Das Wochenende zog sich, und wir überlegten uns, was wir alles auf dem Steg machen würden. Wir wollten uns auf den Steg legen und sonnen. Schön über dem Wasser liegen. „Herrlich!“ Das wollten wir schon immer, obwohl es ja auf der Luftmatratze auch schön ist.

Aber auf dem Steg kann man einfach liegen bleiben, ohne immer zu schauen, wohin die Luftmatratze treibt. Einen Köpper mit Anlauf nehmen – auch das wollten wir machen. Endlich war der Montag da. Er sollte für uns der schönste Tag werden, weil wir den Steg endlich für uns allein hatten – und das bis Donnerstag!

Als wir vier zum Steg kamen, hatten alle ein Grinsen im Gesicht. Die Freude war so groß. Wir liefen zuerst barfuß über das warme Holz. Der Steg führte weit in den See hinein. Wir beschlossen, schon mal Probe zu laufen, aber ohne zu springen. Es fühlte sich gut an.

Wir waren vom vielen Hin- und Herrennen, etwas k.o. Also holten wir Decken und Handtücher raus und sonnten uns auf den Steg. Unsere Getränke und das Essen bewahrten wir immer im Schatten weiter weg auf. Als wir uns genug gesonnt und vom Rennen ausgeruht hatten, zogen wir in den Schatten um. Wir nahmen unsere Decken mit und machten es uns gemütlich. Alle hatten genug zu essen und zu trinken dabei, und wir ließen es uns schmecken. Wir wussten, dass wir mit vollem Magen nicht ins Wasser durften.

Wir verbrachten unsere Zeit mit Spielen. Endlich war es so weit. Wir gingen zum Steg, wärmten uns nochmal kurz auf und ließen uns vom Steg aus ins Wasser hinunter. Wir schwammen noch ein paar Runden, dann ging es endlich los: „Köpper!“

Als wir auf dem Steg standen, gingen wir in Start-Position. Ich muss dazu sagen, dass ich Linkshänderin bin, deshalb springe ich auch nach links ab. Als wir sahen, wie geil das aussah, als der erste sprang, waren wir richtig glücklich. Endlich hatten wir eine Sprungfläche.

Und dann war ich dran. Niemand wusste bis zu dem Zeitpunkt, dass die Wochenendbewohner im Winter eine alte Tür im See entsorgt hatten. Die Tür lag auf der linken Seite im See und hatte sich verkantet. Ich freute mich, endlich meinen Köpper zu machen. Ich nahm Anlauf, und noch während ich über den Steg lief, ertönte auf einmal eine Stimme aus dem Nichts und sagte: „Spring nicht!“

Ich erschrak kurz, stoppte meine Geschwindigkeit und sprang mit den Füßen zuerst ins Wasser. Sofort spürte ich einen stumpfen Schmerz unter meinem linken Fuß. Meine Freunde sahen an der Wasseroberfläche eine rote Flüssigkeit. Sie bekamen schnell mit, dass es mir nicht gut ging. Sie zogen mich aus dem Wasser und legten mich auf den Steg. Da sahen sie das viele Blut auf dem Steg und die große, klaffende Wunde unter meinem Fuß.

Ein paar Freunde holten sofort Hilfe, während die anderen meine Blutungen stoppten und verbanden. Mir war so schlecht! Gut, dass wir die Decken mitgenommen hatten. So konnten wir mein Bein und meinen Kopf höher legen. Es dauerte nicht lange, da holten mich ein paar Väter ab. Sie brachten mich schnell zu meiner Mutter, dann ging es rasch ins Krankenhaus. Oh Mann, die Spritzen um die Wunde taten so weh! Ich zog den Fuß immer wieder weg, das fand der Arzt gar nicht gut.

Als die Wunde genäht worden war, war ich froh, endlich wieder nach Hause zu kommen. Meine Freunde warteten schon gespannt auf mich. Am nächsten Tag suchten Angestellte der Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaft die Unfallstelle ab. Sie holten wahrhaftig eine alte Eingangstür aus dem See heraus. Alle waren schockiert. Was, wenn die Stimme nicht gewesen wäre? Ich wäre wohl mit dem Kopf auf die Tür gesprungen. Das war mein Schutzengel Nummer 3.