Begleiten heißt da sein und aushalten, wenn Heilung nicht mehr möglich ist. Darum ging es beim Herner Palliativtag 2026 am Mittwoch, 14. Oktober, im Seminarzentrum des Evangelischen Krankenhauses Herne. Die Veranstaltung unter dem Motto „Begleiten. Eine multiprofessionelle Herausforderung“ stieß auf große Resonanz über die Stadtgrenzen hinaus. „Was auch immer wir tun: Im Mittelpunkt stehen die Patientinnen und Patienten“, sagte Dr. Barbara Lubenow, Leiterin des Palliativzentrums. Sie verantwortete und moderierte den Nachmittag. Begleiten bedeute, in schweren Stunden dabei zu sein, Bedürfnisse zu erkennen und belastende Momente mit auszuhalten.
„In der Palliativmedizin zählt das Menschliche mehr als der Umsatz“, sagte Dr. Peter Lütkes, Medizinischer Direktor des Evangelischen Verbunds Augusta Ruhr. Der Verbund versorgt jedes Jahr mehr als 75.000 Fälle im Krankenhaus. Die Palliativmedizin ist davon zwar nur ein kleiner Teil, für den Verbund aber ein wichtige und unverzichtbare Aufgabe.
Den Eröffnungsvortrag hielt Ali Azazoglu, muslimischer Seelsorger der Knappschaft Kliniken Bottrop. Er betonte: „Nicht jeder Muslim ist religiös. Fragen Sie nach, was der einzelne Mensch sich wünscht!“ Im türkisch-arabischen Kulturkreis habe die Familie eine große Bedeutung und wolle mitentscheiden, nicht immer im Sinne des Erkrankten. Hier sei das multiprofessionelle Team gefordert. Azazoglu: „Der Wille des Patienten geht immer vor!“
„Seelsorge geht nicht voraus. Sie hat kein Ziel. Sie bleibt aber immer an der Seite der Erkrankten“, betonte Karola Rehrmann, Koordinatorin im Ambulanten Hospizdienst. Seelsorge gelte allen Menschen, unabhängig vom Glauben. Bei der seelsorgerlichen Begleitung gehe es nicht in erster Linie um Gott, Gebete oder schnelle Antworten. Um Menschen am Ende des Lebens nahezukommen, helfe es viel mehr, ihre Wünsche und Bedürfnisse zu erfragen, einfach da zu sein, Fragen und Schweigen auszuhalten.
„Bilder sagen mehr als tausend Worte“, erklärte Simone Götz, Kreativtherapeutin am Westdeutschen Tumorzentrum Essen. Sie zeigte, wie Kranke mit Hilfe von Farbe und kreativen Materialien ihre Gefühle ausdrücken, Abschied nehmen und sogar Erinnerungen für ihre Familien schaffen können. Besonders ihre Arbeit mit sehr jungen an Krebs erkrankten Patienten bewegte. Aber auch als sie von einem 85-jähriger Schreiner berichtete, der in einem Stück Holz sein „Krafttier“ entdeckte, das er schließlich mit ins Grab nahm, rührte dies viele Zuhörende.
Wie komplex die Schicksale Schwerstkranker auf der Palliativstation sein können, berichtete die Psychologin Marion Duddek-Baier aus Haltern: „Wir müssen auch ungelöste Fragen aushalten lernen.“ Duddek-Baier schilderte den Fall einer todkranken Mutter, die sich völlig von ihrer Familie abschottete, um ihre kleinen Kinder nicht zu belasten. Das Team half ihr, die Kinder ins Krankenhaus einzuladen und einen Abschied zu ermöglichen.
Eine neue Definition von Resilienz beschrieb Anne Steinbach, seit vielen Jahren Supervisorin im EvK Herne: „Stärke heißt, berührt zu bleiben und trotzdem zurückzufinden.“ Sie empfahl kurze Rituale nach schweren Situationen: „Was ist gerade passiert, was hat es mit mir gemacht, was brauche ich jetzt?“ Für gesunde, faire Arbeitbedingungen, so Steinbach, tragen alle Verantwortung: der Einzelne, das Team und der Arbeitgeber.
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Für eine gute Begleitung am Lebensende sprachen beim Herner Palliativtag 2026 (von links) Simone Götz (Kunsttherapie), Marion Duddek Baier (Diplom-Psychologin), Anne Steinbach (Supervisorin), Dr. Barbara Lubenow (Leitung Palliativzentrum EvK Herne), Dr. Jens Verbeek (Chefarzt Klinik für Innere Medizin, EvK Herne) Karola Rehrmann (Seelsorgerin) und Ali Azazoglu (Seelsorger). Foto: Förderverein