Heiligabend auf der Palliativstation im EvK Herne. Auf dem Flur spielt ein Akkordeonchor Weihnachtslieder. In einem der Zimmer tut eine Patientin den letzten Atemzug, friedlich und still. Ihr Mann sitzt am Bett, neben ihm Nadine Kolpatzik, Fachkraft Palliative Care und Schmerzexpertin. Der Mann blickt auf die Verstorbene und sagt: „Was soll ich jetzt nur ohne sie machen?“ „Die verzweifelte Frage des Angehörigen hat mich lange beschäftigt”, erzählt Nadine Kolpatzik. Seitdem liegt es ihr besonders am Herzen, Angehörige auch nach dem Tod eines geliebten Menschen nicht allein zu lassen. Das Team hört zu, bietet Hilfe an und vermittelt Trauerbegleitung.
Seit April 2023 leitet Nadine Kolpatzik das Pflegeteam der Palliativstation. Zuvor hatte die 49-Jährige die stellvertretende pflegerische Leitung inne. Ihr Anspruch an sich selbst ist hoch. „Am Ende des Dienstes möchte ich mir selbst in die Augen schauen können und zufrieden sein mit dem, was mein Team und ich geleistet haben”, sagt die gebürtige Wanne-Eickelerin. Gute Arbeit allein reicht ihr nicht. Ohne das Mitgefühl ihres Teams wäre ihre eigene Arbeit nur wenig wert.
Auf der Station arbeiten viele Berufsgruppen Hand in Hand. Jede und jeder bringt eigene Stärken ein. Darauf ist Nadine Kolpatzik stolz. Sogar Familienmitglieder des Teams helfen mit. Sie holen schnell mal Pommes, die sich eine schwerstkranke Patientin wünscht. Sie bauen Tische und Stühle für die Terrasse auf. Auch Nadines Mann hat nach Feierabend so manchen Patientenwunsch erfüllt.
Patientinnen, Patienten und Angehörige vertrauen dem Team in Gesprächen ihre tiefsten Ängste und Sorgen an. Für Nadine Kolpatzik gilt deshalb: Die Würde jedes Menschen bleibt gewahrt. Alle werden gleich behandelt, unabhängig von Kultur, Glauben, Herkunft oder soziale Schicht. „Wer nicht mitfühlen kann, sollte nicht auf der Palliativstation arbeiten”, sagt sie. Gelacht und Spaß gemacht wird auch. Nadine Kolpatzik: „Mit Feingefühl und nie unter der Gürtellinie. So entstehen nicht nur traurige Erinnerungen.“
Sie selbst hört nie auf zu lernen. Denn sie möchte Menschen so begleiten, dass sie ihre Selbstbestimmung behalten. Niemand soll Angst vor der Palliativstation haben. Jeder soll sich gut aufgehoben fühlen.
Kraft schöpft Nadine Kolpatzik in der Familie und in der Natur. Zu Hause warten Mann und Kinder, auf die sie stolz ist, und Hündin Mina. Die Kleine kam als Flüchtling aus der Ukraine zu ihr. Am liebsten aber schnürt sie ihre Wanderschuhe und zieht hinaus in den Wald – dorthin, wo keine Menschen sind.